Ein kostspieliger Engel


Anonymität ist sicherlich einer der Vorzüge des Online-Datings. Sie erlaubt es, mit interessanten Menschen in Kontakt zu treten, ohne gleich "mit der Tür ins Haus" zu fallen. Doch wie meist hat auch dieser Vorzug seine Kehrseite: Anonymität kann bewusst missbraucht werden, um nichts ahnende Flirter hinters Licht zu führen. Das ist ärgerlich, oft emotional sehr verletzend - und manchmal auch richtig teuer, wie das folgende Beispiel zeigt.

Im Herbst 2002 ging ein neues Online-Dating-Angebot erfolgreich an den Start und war bald von zahlreichen Nutzern bevölkert. Schnell zeichnete sich eine Flirterin - ihr Nickname lautete "Schwarzer Engel" - durch besondere Beliebtheit aus. Das Bild auf ihrer virtuellen Visitenkarte zeigte eine nachdenkliche und hübsche junge Frau, ihr Profil mit der Beschreibung ihrer Persönlichkeit klang interessant. Häufig war sie im Chat der Dating-Site präsent und kommunizierte auch über das eMail intensiv mit Nutzern des anderen Geschlechts. Kurz: "Schwarzer Engel" war bald everybody's darling, zeigte sich in Gesprächen einfühlsam und verständnisvoll. Natürlich ließen die Verehrer nicht lange auf sich warten.

So verliebte sich auch bald ein junger Mann - unter dem Pseudonym "Dragonball" auf der gleichen Site unterwegs - in sie. In langen Konversationen per eMail tauschten sie sich aus, und "Dragonball" erfuhr, dass "Schwarzer Engel" gerade mit ihrem Freund Schluss gemacht habe. Dieser sei ein rechter Unmensch gewesen, klagte sie, da er ihr gegenüber regelmäßig handgreiflich geworden sei. Und als ob das nicht genug gewesen wäre, habe er zu allerletzt noch ihr Konto geplündert. In vielen vertraulichen eMails schilderte "Schwarzer Engel" ihrem neuen Freund ihre tiefe Verletztheit und ihre missliche finanzielle Situation.

In frisch verliebtem Zustand ist es natürlich schwer, solche Klagen ungerührt anzuhören. "Dragonball" machte seiner Angebeteten - die er zwar zu diesem Zeitpunkt noch nicht leibhaftig gesehen hatte, um die aber längst sein ganzes Denken kreiste - spontan das Angebot, ihr Geld zu schicken. "Schwarzer Engel" zeigte sich überrascht, gerührt - und nahm dankend an. Ein Betrag von immerhin fast 2.000 € - für "Dragonball" nahezu ein Monatsgehalt - wechselte den Besitzer.

Es ist einem dummen Zufall zu verdanken, dass die Geschichte relativ bald aufflog. Über drei Ecken erfuhr unser Protagonist, dass noch ein anderer Chatter damit prahlte, eine Liebesbeziehung mit "Schwarzem Engel" zu führen. Zur Rede gestellt, erzählte nun dieser Nebenbuhler, dass auch er angetreten war, derselben Frau aus ihrer misslichen finanziellen Lage zu helfen.

Ein paar Recherchen später kamen ein gutes Dutzend geprellter Mannsbilder zum Vorschein. In Summe hatten sie einen fünfstelligen Euro-Betrag an ihre vermeintliche Freundin gesandt. Und natürlich nichts von der Existenz der Nebenbuhler gewusst. Manch einer wählte ob dieser Tatsache den juristischen Weg, um an sein Geld wieder heranzukommen. Anderen wiederum war der ganze Umstand zu peinlich - man wollte die Sache lieber unter den Tisch kehren, zumal die Gefahr bestand, dass die eigene Ehefrau davon Wind bekommen könnte ...

Man sollte meinen, dass hier sehr unerfahrene Internet-Nutzer auf den "Schwarzen Engel" hereingefallen waren. Dem war jedoch nicht so. Die Männer waren zum Teil seit Jahren online. Mache arbeiteten sogar in Internet-Firmen.