Die schwarze Witwe
Melissa F. ist eine höfliche und hilfsbereite Frau von mittlerweile 69 Jahren. Ein Alter, das man ihr nicht ansieht. Die Zeit hat es gut mit ihr gemeint - sie sieht keinen Tag älter aus als Ende 40. Das fiel auch dem 73-jährigen Alex S. auf, als er ihr Profil das erste Mal bei einem christlichen Dating-Angebot sah. Eine fürsorgliche Frau war genau das, was er in seiner Situation suchte. Das Stehen und Gehen bereitete ihm zusehends Schwierigkeiten. Er sehnte sich nach einer tatkräftigen Frau, um mit ihr seinen Lebensabend in seinem Haus in Florida zu verbringen. Und wenn sie dann noch attraktiv war - umso besser. Er schrieb ihr eMails, und sie trafen sich. Sie kam in ihrem Cadillac. Es folgte ein gemeinsames Mittagessen in einem griechischen Restaurant. Und noch am selben Abend zog Melissa ein.
Alex hätte es kaum besser treffen können. Melissa war ein echter Schatz. Ihre zuvorkommende Art beeindruckte die gesamte Nachbarschaft. Sie verwöhnte ihren neuen Lebensabschnittspartner regelrecht. Jeden Tag wurde ab nun gekocht, und zum Nachtisch gab es Alex' Lieblingsspeise: Eiscreme. Er fühlte deutlich, wie sehr sie ihn liebte. Das Glück war nahezu perfekt.
Leider trübte Alex' Gesundheitszustand die traute Zweisamkeit. Schon wenige Tage nach dem Eintreffen von Melissa stürzte er zum ersten Mal schwer. Dies sollte sich in den nächsten Wochen noch öfters wiederholen. Außerdem fiel es ihm immer schwerer zu sprechen. Auch die Sehkraft schien nachzulassen. Alex musste schließlich ins Krankenhaus - nicht ohne vorher eine Kontovollmacht für Melissa zu unterschreiben. Sie sollte in seiner Abwesenheit natürlich keinen Mangel leiden. Melissa hielt 20.000 Dollar erst einmal für eine angemessene Summe, um über die Runden zu kommen.
Der schlechte Gesundheitszustand seines Vaters rief bald dessen Sohn Dean auf den Plan. Er ließ die Blutwerte seines Vaters genauer unter die Lupe nehmen. Man fand Spuren von Beruhigungsmitteln, die niemand verschrieben hatte. Dean alarmierte die Polizei. In seinen Augen konnte nur Melissa dahinter stecken. War sie womöglich doch nicht die unbescholtene Frau, für die sie sich ausgab?
Die Polizei sah sich Melissas Vergangenheit etwas genauer an. Dabei förderten die Beamten Erstaunliches zu Tage. Melissa war den Fahndern unter 13 verschiedenen Decknamen bekannt. Sie war seit den 70er Jahren in zahlreiche Betrugsfälle verwickelt. Doch das war noch lange nicht alles. 1991 war sie zu zwei Jahren Zuchthaus wegen Totschlags verurteilt worden. Sie hatte ihren eigenen Mann überfahren. Unter diesen Umständen erschien auch der Tod ihres zweiten Ehemanns Robert im Jahre 2002 in einem neuen Licht. Auch ihn hatte sie über eine Partnervermittlung im Netz kennen gelernt. Er starb nur ein Jahr nach ihrem ersten Treffen, nachdem sich sein Gesundheitszustand kontinuierlich verschlechtert hatte. Es scheint, als sei auch er Melissa ins Netz gegangen. Der Mythos der "Schwarzen Witwe des Internet" war geboren.


